Spätsommer im Haus

Als  ich heute durch den Garten ging, war mir auf einmal deutlich, dass sich der Sommer verabschiedet. Es riecht nach Herbst, die Luft wird nachts wieder kühler, die Felder sind leer. Eine besondere Zeit, der Beginn des Herbsts. Er lehrt uns Loslassen und Abschied nehmen. Vielleicht mit jedem Lebensjahr etwas mehr. Und doch verwöhnt er uns mit warmem Sonnenlicht, tiefen Farben und jeder Menge Köstlichkeiten. Wie schön, ein bisschen davon mit ins Haus nehmen zu können.IMG_0070

IMG_0071IMG_0072

Mein Juli

Bei Birgitt bin ich zufällig auf die Monatscollagen gestoßen und ich fand die Idee so schön, dass ich mir Zeit genommen habe, über diesen sonnig-gewittrigen Sommermonat Juli nachzudenken. Manchmal fühle ich mich so gehetzt vom Alltag, dass die Zeit zu reflektieren fehlt und mich plötzlich der Gedanke „schon wieder ein Monat vorbei“ überfällt.

Und wenn ich dann rückblickend sehe, wieviel Sonnenschein sich in dem immer wieder auch wolkigen Lebensmonat verbirgt, dann bin ich sehr dankbar über die Möglichkeit, an schönen Orten Kaffee zu trinken, einen wundervollen Beruf zu haben, Zeit zu haben um zu lesen, in die Natur zu gehen und Dinge zu tun, die mir Freude bereiten – umgeben von verschiedensten wundervollen Menschen, die das Leben so bunt machen.

IMG_9677.JPG

Ohne Verlangen

IMG_9500.JPGEs gibt Bücher, die fallen einem einfach zu. Ich habe weder danach gesucht, noch jemals davon gehört. Es war ein Nachmittag mit ein bisschen Zeit und ein bisschen Melancholie. Klein und unscheinbar in Weiß, zwischen den bunten, großen Büchern fiel plötzlich mein Blick darauf. Motomenai – ohne Verlangen. Und ich nahm es heraus, bestellte Kaffee und las hinein. Alles ist ein bisschen anders in diesem Buch. Und es gibt wenig zu lesen, wenig Worte und viel Leere. Zunächst war ich irritiert, bis sich die Leere der Buchseiten mit meinen Gedanken füllte. Mit leisen, langsamen Gedanken. Mit einem ruhigen Gefühl. Mit einem geschärften Blick. Mit Ruhe.

„Ohne Verlangen – so merkst du, dass du in diesem Augenblick schon genug hast.“

Worte, die mich berühren. Die nicht zum Weiterlesen drängen, sondern zum Innehalten. Das Buch zu schließen und die Augen. Und genau das zu spüren.

aus: Shozo Kajima. Motomenai – Ohne Verlangen. 2. Auflage 2016

Ein Stück von mir…

Ganz unverhofft hatte ich heute die Möglichkeit, an einen Ort zurück zu kehren, den ich länger nicht besucht habe. Meine Studentenstadt, zumindest für einen Teil des Studiums. Es war der Ort, an dem ich die ersten Schritte in die Selbständigkeit tat, das Gefühl hatte, jetzt erwachsen zu sein. Wenn ich heute zurückkehre, dann haben einzelne Orte eine besondere Bedeutung für mich. Sie sind immer noch verbunden mit den Gefühlen von damals und strahlen eine Vertrautheit aus, wie wenige andere. Ich hatte das Gefühl, als wäre ein Stück von mir dort geblieben und beim Schlendern durch die Gassen war es, als würde ich diesem alten Teil von mir begegnen. Und mit einem Lächeln verstand ich plötzlich, wie eine Erfahrung zur nächsten führte. „Das Leben rückwärts verstehen“, davon spricht Kierkegaard. Heute war mir sehr bewusst, was er damit meinte…

IMG_9462

 

 

 

Träume in mir

IMG_6407

Reisen. Ein bisschen heraustreten aus dem gewohnten Umfeld; sich anders erleben, entspannter, reduzierter. Bei jeder Reise stelle ich mir die Frage, wie es wohl wäre, in diesem Land zu leben. Wären wir in einer anderen Umgebung ganz anders?  Prägt uns das Äußere oder wären wir wieder die, die wir sind? In ein fremdes Leben schlüpfen, morgens das leichte Strandkleid, barfuß den warmen Sand fühlen, George im Vorbeigehen ein „Ca va, George?“ zurufen, den Wind in den Haaren. Mittags Baguette, Oliven, Wein – im Stehen an der Bar.

Mein Leben sieht anders aus, und eures wohl auch. Ich habe die Arbeit vergessen und den Alltag. Stimmt. Aber ich träume nur und ich nehme mir jede Menge Zeit dafür…

 

Mit offenen Augen

Warum fällt es uns so schwer zur Ruhe zu kommen? Alle 18 Minuten schauen wir im Durchschnitt auf unser Smartphone, habe ich vor kurzem gelesen. Und das scheint mir fast untertrieben, wenn ich mich umschaue oder mich selbst kritisch reflektiere. So verführerisch, dieses ständige auf dem Laufenden zu sein, so verführerisch, jede kurze Pause zu nutzen um sich mit dem Gerät zu beschäftigen. Wir kennen keinen Leerlauf mehr, keine Zeit für Langeweile. Manchmal denke ich, die Bewusstheit für unser Leben hat abgenommen. Unser digitales Ich ergreift mehr und mehr Besitz von uns.

Für mich bedeutet dies immer wieder, mich bewusst dagegen zu entscheiden. Pausen einzulegen. Sich in eine Wiese zu legen und den Himmel zu beobachten. Wann hast du das letzte Mal gesehen, wie Wolken verschmelzen? Fast zärtlich umkreisen sie sich und verwandeln sich ganz gemächlich. Oder ein Kornfeld im Wind? Muster, die sich bilden, fast wie Wellen. Dafür muss man sich Zeit nehmen und offene Augen haben. Die hatte ich heute…

DSCF5711

Die Schatten der Seele

„Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: welche kommen der Wahrheit näher? Ist es so klar, dass es die eigenen sind? Ist einer für sich selbst eine Autorität? Doch das ist nicht wirklich die Frage, die mich beschäftigt. Die eigentliche Frage ist: Gibt es bei solchen Geschichten überhaupt einen Unterschied zwischen wahr und falsch? Bei Geschichten über das Äußere schon. Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt? Ist die Seele ein Ort von Tatsachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichten?

aus: Pascal Mercier. Nachtzug nach Lissabon 2006

Mit diesen Gedanken aus einem meiner Lieblingsbücher beginne ich jetzt. Ich beginne noch unsicher mit einer Geschichte, über das, was mich beschäftigt und zeige vielleicht einen Teil des Menschen, der hinter den Gedanken steht. Vielleicht beginnt hier eine Geschichte, die interpretiert werden darf und muss.