Max Frisch. Immer wieder.

 

„Er würde nur wissen, dass sie morgen verreist, dass sie einander niemals wiedersehen werden nach diesem Abend, und das wäre ein Wissen, das ihre Herzen vielleicht freier machte, als sie es jemals waren, frei von allem Vergangenen, das auf uns lastet, und frei von aller Zukunft, die uns zögern lässt, ein Abend, der ganz und gar der Gegenwart gehörte, dem wirklichen Dasein, und wenn man sich küsste, so wüsste man, dass es die ersten und die letzten Küsse sind, und es wären vielleicht Küsse, wie noch nie, Worte wie noch nie,ein Glück, dass voll Abschied ist und niemals verflacht werden kann, niemals verwischt durch Wiederholung, eine Nacht, die nur einmal gewesen ist, und vielleicht wäre es für sie, für Irene, sogar noch mehr, noch mehr als eine große Erinnerung, vielleicht sogar das Schicksal, wozu sie berufen ist.“

aus: Max Frisch. Antwort aus der Stille (1937)

IMG_9559

Ohne Verlangen

IMG_9500.JPGEs gibt Bücher, die fallen einem einfach zu. Ich habe weder danach gesucht, noch jemals davon gehört. Es war ein Nachmittag mit ein bisschen Zeit und ein bisschen Melancholie. Klein und unscheinbar in Weiß, zwischen den bunten, großen Büchern fiel plötzlich mein Blick darauf. Motomenai – ohne Verlangen. Und ich nahm es heraus, bestellte Kaffee und las hinein. Alles ist ein bisschen anders in diesem Buch. Und es gibt wenig zu lesen, wenig Worte und viel Leere. Zunächst war ich irritiert, bis sich die Leere der Buchseiten mit meinen Gedanken füllte. Mit leisen, langsamen Gedanken. Mit einem ruhigen Gefühl. Mit einem geschärften Blick. Mit Ruhe.

„Ohne Verlangen – so merkst du, dass du in diesem Augenblick schon genug hast.“

Worte, die mich berühren. Die nicht zum Weiterlesen drängen, sondern zum Innehalten. Das Buch zu schließen und die Augen. Und genau das zu spüren.

aus: Shozo Kajima. Motomenai – Ohne Verlangen. 2. Auflage 2016

Komm, Traurigkeit

„Ich zögere, in diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit. Es ist ein so ausschließliches, so egoistisches Gefühl, dass ich mich seiner fast schäme – und Traurigkeit erschien mir immer als ein Gefühl, das man achtet. Ich kannte es nicht; ich hatte Kummer empfunden, Bedauern und manchmal Reue. Jetzt hüllt mich etwas ein wie Seide, weich und ermattend, und trennt mich von anderen…“

So beginnt es, dieses Buch, das ich schon mit 18 las und das bis heute nichts an Faszination verloren hat. Vermutlich genau wegen dieser Worte…

„…Immer wieder sage ich diesen Namen sehr leise und lange Zeit ins Dunkel hinein. Dann steigt etwas in mir auf, das ich mit geschlossenen Augen empfange und bei seinen Namen nenne: Traurigkeit – komm, Traurigkeit.“

aus: Sagan, Francoise 1954. Bonjour tristesse

34658350392_5c92d61764_o

Die Schatten der Seele

„Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: welche kommen der Wahrheit näher? Ist es so klar, dass es die eigenen sind? Ist einer für sich selbst eine Autorität? Doch das ist nicht wirklich die Frage, die mich beschäftigt. Die eigentliche Frage ist: Gibt es bei solchen Geschichten überhaupt einen Unterschied zwischen wahr und falsch? Bei Geschichten über das Äußere schon. Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt? Ist die Seele ein Ort von Tatsachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten unserer Geschichten?

aus: Pascal Mercier. Nachtzug nach Lissabon 2006

Mit diesen Gedanken aus einem meiner Lieblingsbücher beginne ich jetzt. Ich beginne noch unsicher mit einer Geschichte, über das, was mich beschäftigt und zeige vielleicht einen Teil des Menschen, der hinter den Gedanken steht. Vielleicht beginnt hier eine Geschichte, die interpretiert werden darf und muss.